Was will die denn

Da stehe ich auf meiner Leiter, die beiden Nachbarinnen, der Polizist, der Hausverwalter des kleinsten Hauses, der Nachbar aus dem Torweg und auch der Mann vom Ordnungsamt haben mir schon ihre Aufwartung gemacht, und gehe im Geiste gerade noch mal alles Erlebte durch.
Und als wir gerade bei der fehlenden Hauswand sind, mein Geist und ich, steht eine Frau in der Haustür, eine alte, böse Frau und schaut neugierig, widerlich neugierig in das Chaos um mich herum.
Was will die denn jetzt noch hier?
Ich beschließe, sie zu ignorieren.
Das fällt mir alles andere als leicht, Mutti würde mir jetzt eine scheuern.
Alte Frau und Du grüßt nicht?, würde sie sagen.
Nee, tue ich nicht.
Wahrscheinlich stört sie mein Hämmern, oder der Staub, oder mein Auto, oder mein Hänger…
Na, sie wird es mir schon sagen.
„Da haben Sie aber noch viel Arbeit vor sich!“
Ich falle fast von der Leiter.
Das war freundlich gesagt! Die ersten freundlichen Worte an diesem Tag, mit Ausnahme vom Anruf meiner Frau. Das war vor acht Stunden.
„Guten Tag,“ höre ich mich sagen und schalte mein Verhalten von „Ignorieren“ auf „Freundlichsein“.
Mutti wäre mit mir zufrieden.
„Viel Arbeit ist das schon, aber es macht ja auch Spaß!“
Wenn der liebe Gott kleine Lügen sofort bestraft, fällt mir jetzt gleich die Bude auf den Kopf.
„Aber viel Arbeit ist es doch!“
Die gütige, alte Dame mit dem milden Lächeln in der Haustür meiner Ruine läßt sich nicht von ihrer durchaus zutreffenden Meinung abbringen.
„Ich bin heute schon ein paar mal hier vorbei gegangen und habe jedes mal gestaunt, daß sich jemand um so ein altes Haus kümmert.“
Hör nicht auf zu sprechen, Mütterchen.
„Das ist aber schön, daß Sie das so sagen. Und es tut gut, so etwas auch mal zu hören, denn Sie werden es nicht glauben, Sie sind die erste Wernigeröderin, nein der erste Wernigeröder überhaupt, der uns für unsere Mühen lobt!“
„Ach wissen Sie“, entgegnet Sie, „ich bin nicht aus Wernigerode. Ich bin hier nur zu Besuch und komme aus Hannover.“

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